Flüchtlinge und Einwanderer

Syrien, Kosovo, Serbien: Täglich erreichen uns Meldungen über Menschen, die vor Krieg und Verfolgung flüchten. Viele von ihnen zieht es nach Deutschland, das für seine Demokratie und hohen Lebensstandard international bekannt ist. Dass Menschen Sicherheit und für ihre Kinder bessere Bedingungen suchen, ist die eine Seite. Aber auch für unsere Gesellschaft und speziell für uns Sachsen sind die Flüchtlingsströme eine große Herausforderung. Diese Menschen bringen andere Erfahrungen, eine andere Kultur und oftmals auch eine andere Religion mit zu uns.

Ich habe in den letzten Wochen mit vielen Freibergern gesprochen und dabei erfahren, dass jeder von uns seine eigene Sichtweise hat. Es gibt Hilfsbereitschaft und Verständnis, aber auch Ängste, Vorurteile und Ablehnung. All das kann ich gut nachvollziehen. Ich bin aber auch davon überzeugt, dass die Menschen, die zu uns kommen, eine Bereicherung für uns sein können. Voraussetzung dafür ist, dass wir das Zusammenleben gut organisieren und den „Neuen“ eine Chance geben, dass sie uns und wir sie kennenlernen können.

Der erste Schritt dafür ist eigentlich ganz einfach: Wir müssen eine gemeinsame Sprache sprechen. Noch ist die Sprachbarriere das größte Hemmnis, denn ohne gegenseitiges Verstehen kann kein Verständnis entstehen. Hier sehe ich auch meine persönliche Aufgabe: Ich werde mich dafür einsetzen, dass jeder, der zu uns kommt, eine Sprachausbildung absolvieren kann und muss.
Die Voraussetzungen sind vorhanden, denn allein schon durch die TU Bergakademie hat Freiberg seit Jahren einen höheren Ausländeranteil als andere Städte im Freistaat. So gibt es die DaZ-Klassen (Deutsch-als-Zweitsprache) in mittlerweile fünf Freiberger Schulen. Und in der Grundschule Pestalozzi wird bereits seit 1993 Unterricht in dieser Form gegeben.
Unsere Pädagogen meistern diese Aufgabe sehr engagiert. So jedenfalls habe ich es bei meinen Gesprächen mit ihnen empfunden. Davor kann man nur den Hut ziehen.

Und dass unser Weg richtig ist, zeigen erste Erfolge: Eine Schülerin spricht so gut deutsch und hat so gute Leistungen, dass sie auf das Gymnasium wechseln konnte. Ich bin mir sicher, dass sie ihren Weg gehen wird.

Damit das kein Einzelfall bleibt, müssen wir so früh wie möglich mit der Sprachausbildung beginnen. Am besten wäre das bereits im Kindergarten. Leider gibt es derzeit in Freiberg nicht genügend Kita-Plätze. Sie werden vorrangig an Familien vergeben, bei denen Arbeits- oder Ausbildungsplätze zwingend die Betreuung der Kinder erfordern. Das ist bei den Familien der Flüchtlinge/ Asylsuchenden überwiegend nicht der Fall. Also müssen wir die Eltern schnell fit in Deutsch machen und darauf vertrauen, dass sie ihre Kenntnisse an ihre Kinder weitergeben. Damit die Erwachsenen in Ruhe lernen können, werden die Kinder in dieser Zeit in den Gemeinschaftsunterkünften stundenweise beschäftigt.

Künftig können wir die Kinder aus Flüchtlingsfamilien nicht in einer Kindertagesstätte konzentrieren, sondern möglichst einzeln in die Gruppen integrieren. Das ist wichtig, um unsere ErzieherInnen nicht zu überfordern und auch die Vermittlung von Sprachkenntnissen zu erleichtern. Hier ist viel Fingerspitzengefühl notwendig. In den letzten Wochen habe ich vor Ort mit den Leiterinnen der Einrichtungen gesprochen. Gemeinsam haben wir Wege gefunden, um die Integration noch besser unterstützen.

Zugegeben: Vielen Erwachsenen fällt die deutsche Sprache nicht leicht. Aber engagierte Freiberger unterstützen die Neu-Freiberger und einige Flüchtlinge haben schon Kurse an der Volkshochschule erfolgreich auf eigene Kosten absolviert. Das zeigt doch, dass der Wille da ist.
Nun müssen wir noch dafür sorgen, dass die Flüchtlinge sich wirklich einbringen können. Im Moment ist der Deutsch-Unterricht für sie die einzige Beschäftigung. Das kann doch aber nicht sein! Deshalb werde ich mich dafür einsetzen, dass Beschäftigung oder eine ehrenamtliche Tätigkeit möglich ist. Zugegeben ist das ein sensibles Gebiet, denn bestehende Arbeitsplätze dürfen nicht gefährdet werden. Aber ich bin sicher, dass wir auch hier gemeinsam eine Lösung finden werden.

Bei meinen Gesprächen mit den Freibergern habe in aber auch kritische Meinungen gehört: mangelnder Wille zur Integration, Nichtachtung von Gesetzen und unseren Normen. Meist sind es nur einige Wenige, die auffällig werden. Doch ich sage es an dieser Stelle ganz offen: Wer Zuflucht vor Verfolgung bei uns findet und bereit ist, Teil unserer Gesellschaft zu werden, ohne seine Identität aufzugeben, der ist herzlich willkommen und wird unterstützt. Wer allerdings unsere Gastfreundschaft missbraucht, unsere Regeln nicht achtet und damit zeigt, dass er eben nicht zu uns gehören will, der hat auch kein Recht, Respekt für seine Person einzufordern, den er selbst nicht bereit zu geben ist.

Für mich ist gegenseitiger Respekt und Achtung des Gegenüber die Grundlage für unser Leben. Immanuel Kant hat es bereits vor mehr als zweihundert Jahren auf den Punkt gebracht, als er sinngemäß feststellte: „Behandle andere so, wie Du selbst behandelt werden willst.“ Ein Satz, der heute noch genau so richtig ist wie damals.